Angst: Flucht oder Kampf?

Angst zeigt sich in verschiedenen Ausprägungen und Situationen. Der ungebetene Gast erscheint als Beziehungs- und Prüfungsangst, Verlustangst, Todesangst oder Zukunftsangst. Angst wird sehr individuell empfunden. Ein Mensch mit Existenzangst beispielsweise beschäftigt sich mit den Fragen: Braucht es mich auf dieser Erde, was ist der Sinn meiner Existenz? Nicht selten haben Menschen mit solchen Ängsten eine schwierige Geburt durchlebt, der natürlich Geburtsrhythmus wurde gestört. 

Die meisten von uns kennen Bedenken und Sorgen, zum Beispiel vor wichtigen Terminen wie einem Vorstellungsgespräch oder einer Rede vor Publikum. Bei einigen Menschen hingegen löst eine reale oder fiktive Gefahr immer wieder eine Panikattacke aus, die ihre Persönlichkeit dauerhaft ungünstig verändern kann. 

Der gemeinsame Nenner aller Ängste: sie erzeugen in bedrohlich empfundenen Situationen ein beklemmendes oder beunruhigendes Gefühl in uns. Angst versetzt uns in einen hilflosen Zustand, sie lähmt uns. Weil sie uns am klaren Denken hindert, können wir nicht angemessen reagieren und eine passende Lösung finden. Angst hat einen schlechten Ruf, sie gilt als unbeliebte und unerwünschte Emotion. Dennoch ist unser biologisches Alarmsystem eine überlebenswichtige Körperfunktion. Der natürliche Mechanismus schützt uns Menschen seit Anbeginn unserer Existenz bei Gefahren und Bedrohungen. 

Angst schlägt auf den Magen

Ängste und Sorgen können körperliche Symptome auslösen. Oft genannte Anzeichen sind Herzklopfen und Herzrasen, ein Druck auf der Brust, Schweissausbrüche, unkontrolliertes Zittern, Hyperventilation, Übelkeit und Durchfall. Eine überwältigende Panik kann gar zu einem plötzlichen Kontrollverlust des Bewusstseins führen, einer Ohnmacht. Wenn wir Angst verspüren, machen wir uns klein, stauchen uns zusammen, ziehen die Schultern schützend hoch. Wir fühlen uns ausgeliefert, sind unter Umständen schreckhaft und nervös. 

Ein Leben mit Panik

Von Angststörungen und Phobien spricht man bei übertriebenen Angstreaktionen oder unspezifischen Ängsten ohne reale Bedrohung. Unbehandelte Angststörungen machen es für die Betroffenen schwierig, unbeschwert am alltäglichen Leben teilzunehmen.

Menschen, die unter Panikattacken leiden, gewöhnen sich ein Vermeidungsverhalten an. Jemand mit Platzangst redet sich vor dem Lift ein: «Treppen steigen ist sowieso gesünder». Die Klaustrophobikerin verzichtet auf Besuche von Messen und Konzerten, weil sie sich in der Menschenmenge im Notfall nicht retten oder wegen Sauerstoffmangels ersticken könnte. 

Doch woher kommen diese Attacken? Die Ursachen sind so unterschiedlich und persönlich wie die Störungen: ungelöste Konflikte oder traumatische Erfahrungen, quälende Probleme oder ständige Sorgen. Unerkannte Erkrankungen, Hormonstörungen, Medikamente und Drogen kommen ebenso als Auslöser in Frage. Aber auch Perfektionismus kann ein Urheber sein. Die panische Angst, nicht gut genug zu sein, ist weit verbreitet. Gemäss Studien neigen auch Menschen mit einem hyperaktiven Nervensystem zu einer erhöhten Angstbereitschaft.

Der Angst ins Auge sehen

Es ist einen Versuch wert, seine Angst aus eigener Kraft zu bewältigen. Der erste Schritt besteht darin, sich seine Angst einzugestehen und sein Leiden neutral anzunehmen. Beobachte deine Gefühle, bewerte sie nicht, kämpfe nicht gegen deine Emotionen an. Was will dir deine Angst sagen? Existiert die Gefahr real oder spielt sich das Schreckensszenario «nur» in deinem Kopf ab?

Ein ehrliches und offenes Gespräch mit einer Vertrauensperson oder die Teilnahme in einer Selbsthilfegruppe kann dir helfen, mögliche Ursachen zu erkennen und einen Weg aus der Angst zu entwerfen. Bewusstseinsübungen und Entspannungsübungen beruhigen das vegetative Nervensystem. Für die Stressbewältigung bewährt haben sich autogenes Training, Yoga und Meditation. Auch sportliche Aktivitäten und Spaziergänge im Wald unterstützen das Absinken des Stresspegels und damit die Anfälligkeit für Angstzustände. Ein starkes Selbstvertrauen aufbauen mittels hilfreicher Gedanken und entsprechender Handlungen trägt ebenfalls zur Angstüberwindung bei.

Wenn eine Angst jedoch zur Dauerbelastung wird und zu starken Einschränkungen im Alltag führt, sollten Betroffene eine Therapie ins Auge fassen. In meinen Sitzungen konfrontieren wir die Angst mit Mut. Wir überschreiten Grenzen und lassen Vertrauen entstehen. Wir nutzen die menschliche Fähigkeit zum Metabolisieren von Emotionen, um den emotionalen Stoffwechsel neu einzustellen. Meine Klienten vertrauen auf meine Erfahrung, mein Verständnis und meine Verschwiegenheit. Nach der Behandlung erfreuen sie sich an einer wiedergewonnenen (oder nie gekannten) Lebensqualität.

Schritt für Schritt

Vor einiger Zeit kam eine Klientin mit Höhenangst in meine Praxis. Sie wünschte sich meine Unterstützung, um ihre Akrophobie zu überwinden. Um ihre negativen Erfahrungen durch Erfolgserlebnisse zu neutralisieren, gingen wir zu einem Turm mit 94 Stufen. Tritt für Tritt erklommen wir gemeinsam die Treppe nach oben. Langsam, Stufe um Stufe, damit die Abspeicherung der Angstüberwindung in den Zellen integriert werden konnte. Mit diesem Vorgehen hat meine Klientin ihre Höhenangst verarbeitet und überwunden. 

Nutze die Kraft der Angst

Wenig bekannt ist, dass Angst als Kraft genutzt werden kann. Vivian Dittmar schreibt dazu in ihrem Buch «Gefühle und Emotionen»: «Um das Wesen dieser Kraft zu erfahren, brauchen wir den Mut und die Bereitschaft, uns in unbekannte Bereiche zu begeben. Trotz unserer Angst, ohne zu wissen, was geschehen wird.» Dittmar konstatiert, dass wir beim Verlassen unserer Komfortzone unseren Handlungsspielraum erweitern und über uns selbst hinauswachsen. 

Bist du bereit, dich mit deiner Angst auseinanderzusetzen? Ich begleite dich gerne auf einem Stück deines Weges.

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Lese-Empfehlung: Vivian Dittmar «Gefühle und Emotionen» [https://viviandittmar.net/buecher/gefuehle-und-emotionen/]