Beziehungsfähig werden – trotz Trauma

Gesunde und erfüllte Beziehungen spielen eine wichtige Rolle für unser Wohlbefinden und unsere Zufriedenheit. Jeder Mensch kann Beziehungen aufbauen. Die Fähigkeit dazu wird durch frühkindliche Erfahrungen und kulturelle Einflüsse geprägt. Traumatische Erlebnisse, soziale Isolation oder psychische Erkrankungen können unsere Beziehungsfähigkeit beschränken. Indem man sich auf Beziehungen einlässt, kann man sie trainieren.

Dieser Beitrag soll dich dabei unterstützen, dein Bindungsmuster zu verstehen, damit du sichere und vertrauensvolle Beziehungen eingehen kannst.

Die erste Bindung prägt unsere Beziehungsfähigkeit

Unter Bindung verstehen wir eine enge emotionale Beziehung zwischen Menschen. In Bindung gehen ist eine biologische Notwendigkeit. Sie sichert das Überleben des Neugeborenen, das noch kein «Du» ausgebildet hat. Durch die einfühlsame und verlässliche Präsenz einer Bindungsperson lernt das Baby, Vertrauen zu entwickeln – in die Welt und in sich selbst. 

Unsere erste Bindungserfahrung machen wir in der Regel im Säuglingsalter. Der intensivste Kontakt in den ersten Lebensmonaten passiert meistens mit der Mutter. Wenn das Kind von ihr die notwendige Fürsorge, Zärtlichkeit und Zuneigung bekommt, kann es eine symbiotische Verschmelzung eingehen. Damit wird das Baby als Mensch bestätigt. Es fühlt sich geliebt, so wie es ist, bedingungslos. In dieser Symbiose entwickelt das Baby seine Beziehungsfähigkeit. Auch der frühkindliche Greifreflex stärkt die Bindung zwischen Baby und Vertrauensperson. 

Jedes Baby möchte bedingungslos geliebt werden. Wenn diese Liebe nicht vorhanden ist, können unsichere Bindungsmuster entstehen. Dies kann ein tiefes Gefühl von Unsicherheit oder Angst vor dem Verlassenwerden zur Folge haben. Ein Mangel an liebevoller Zuwendung in der frühen Kindheit kann im Erwachsenenalter den Aufbau stabiler und gesunder Beziehungen verhindern.

Unzureichende Bindung in den ersten Lebenswochen

Wenn die wichtigsten Menschen emotional oder körperlich nicht da sind, wird es für das Baby schwierig bis unmöglich, die erforderliche Bindung aufzubauen. Möglicherweise ist die Mutter «unerreichbar» für das Baby, weil sie in einer Wochenbettdepression gefangen oder mit der Betreuung der Geschwister überfordert ist? Auch Spannungen in der Paarbeziehung oder finanzielle Probleme können die Fähigkeit der Vertrauensperson beeinträchtigen, emotional auf das Baby einzugehen. Ohne eine vertrauensvolle Bezugsperson kann der Mensch nicht lernen, seine Gefühle zu steuern.

Der Säugling wird unsicher, ob die Bindungsperson verfügbar ist, wenn seine Fürsorge- und Bindungsbedürfnisse nicht ausreichend befriedigt werden. Wenn er Nähe als unzuverlässig oder bedrohlich erlebt, kann er als Erwachsener Schwierigkeiten haben, anderen Menschen zu vertrauen.

Ein Baby ist sehr anpassungsfähig. Um sich die bedingungslose Liebe zu «verdienen», geht es in Verschmelzung und gibt sich selbst auf. Möglicherweise nimmt die Mutter ihre Liebe vom Baby, indem sie solche Aussagen macht: «Ich fresse dich auf vor Liebe.», «Ich gebe dich nie mehr frei.» oder «Du gehörst mir.» Beim Baby kommt an, dass wenn ich mich aufgebe, bekomme ich Liebe. Im ersten Lebensjahr verankern sich die Bindungsstile.

Beziehung und Beziehungsfähigkeit

Eine Beziehung ist die Verbindung zwischen Menschen, die durch emotionale, soziale oder körperliche Bindungen geprägt ist. In einer gesunden Beziehung besteht ein Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen. Beziehungsfähige Menschen können in tiefen Kontakt gehen, sie fühlen sich gesehen und gehört. Sie können den anderen fühlen, ohne sich aufzugeben oder sich zu verlieren. Sie sind verbunden und trotzdem individuell.

Wie eng eine Beziehung ist, hängt vom Kontext ab. Die Beziehungstiefe unterscheidet sich je nach Verbindung zu Arbeitskollegen, Freunden, Bekannten oder Familienmitgliedern. In einer Liebesbeziehung gibt es einen intimen Raum und körperliche Nähe.

Bei Menschen mit Bindungsstörung ist der grosse Wunsch, eine Beziehung einzugehen, häufig mit Unsicherheit und Angst verbunden: Was passiert, wenn ich mich auf diese Beziehung einlasse? Verliere ich mich dann? Kann ich in dieser Beziehung noch mich selbst sein? Was erwartet mich in dieser Beziehung?

Liebst du den Menschen, an den du gebunden bist?

Es ist nicht immer einfach, zwischen Liebe und emotionaler Bindung zu unterscheiden. Erwachsene fühlen sich von jemandem angezogen, der eine ähnliche Geschichte hat. Der ihre Grenzen respektiert. Der ihnen zuhört und sie sieht. Bei dem sie sich aufgehoben fühlen. Liebe ist ein Gefühl, das mit Respekt, Zuneigung und Selbstlosigkeit einhergeht. In einer gesunden Beziehung ist beiden Partnern das Glück und Wohlergehen des anderen wichtig – unabhängig vom eigenen Vorteil. Bindung ist durch Angst vor Verlust oder Abhängigkeit geprägt. Für das Baby ist die Bindung, die Verschmelzung, überlebenswichtig. 

Wenn du bei dir eine Tendenz feststellst, in einer Beziehung in die Verschmelzung hineinzugehen, geht diese mit hoher Wahrscheinlichkeit an den Anfang deines Lebens zurück. Du erkennst diese ungesunde Symbiose daran, dass du dich aufgibst in der Beziehung, das «Du» nicht lebst und deine Bedürfnisse wegsteckst.

Wie erlebst du deine Beziehung? Die nachfolgenden Fragen helfen dir zu verstehen, ob deine Beziehung aus Liebe oder Bindung besteht:

  • Fühle ich mich in der Nähe meines Partners sicher, frei und glücklich? Oder habe ich Angst, etwas falsch zu machen?
  • Bleibe ich nur in der Beziehung, weil ich mir nicht vorstellen kann, allein zu sein?
  • Hängt mein Selbstwert davon ab, wie mich mein Partner behandelt?

Wenn du erkennst, dass bei dir auf der Beziehungsebene eine Schieflage da ist, möchtest du diesen Zustand ändern?

Ich bin gerne dein Beziehungspartner

Die Beziehungsfähigkeit lässt sich nicht allein einüben. Nur in Beziehung kannst du lernen, wie Beziehung geht. Diese Erfahrung beinhaltet die Wiedererlangung der Verletzlichkeit, die dich in deinem ersten Lebensjahr dazu gebracht hat, dich emotional abzuschalten. In deiner Not, aus Mangel an adäquater Fürsorge und emotionaler Anwesenheit.

Aus der Perspektive eines Erwachsenen erkennst du, dass du nicht mehr das hilflose kleine Kind bist. Im Kontakt mit mir wird es für dich möglich werden, in die emotionale Verletzlichkeit von damals hineinzugehen: in den Schmerz, in die Wut, in die Trauer. Du wirst erfahren, dass du nicht zu viel bist.

Dies geschieht im Wissen, dass dein Gegenüber mit deinen Emotionen umgehen kann. In meiner langjährigen Arbeit als Trauma-Therapeutin habe ich viel Erfahrung gesammelt im Aushalten und durch das Aushalten von schwierigen Gefühlen und Emotionen, mit Regulieren und Co-Regulieren.

Indem du neue Erfahrungen machst, kannst du den Heilprozess anschieben. Du brauchst dein Bedürfnis nach zwischenmenschlicher Beziehung nicht mehr wegdrücken. Du wirst in dein «Du» finden, ins eigene Wesen. Damit mehr und mehr tiefe Bindungen in deinen Beziehungen entstehen können – frei von Angst.

Möchtest du meine professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen, dich deinen Emotionen stellen und neue Beziehungserfahrungen machen? Dann melde dich für ein Erstgespräch bei mir.