In der Fachwelt gilt die Fawn-Response als einer der vier menschlichen Überlebensmechanismen. Sie beschreibt ein instinktives Verhalten, einen Reflex auf ein traumatisches Ereignis. «Fawn» ist Englisch für Rehkitz, «to fawn» bedeutet umschwänzeln, hofieren, kriechen oder schmeicheln. Deshalb spricht man im Deutschen bei chronifizierter Unterwerfung vom Bambi-Reflex.
Fawning ist eine zwanghafte Reaktion auf erlittenes Trauma. Betroffene verhalten sich stets überfreundlich und überangepasst, um jeglichen Konflikten aus dem Weg zu gehen und ein Gefühl von Sicherheit und Harmonie zu erhalten. Dieser Reflex wird über das Bedürfnis nach Beruhigung gelenkt.
Vernachlässigung, Missbrauch und anhaltender Stress in der Kindheit können zu chronischer Unterwerfung oder Überanpassung führen. Die Trauma-Reaktion kann sich jedoch auch im Erwachsenenleben ausbilden: Wenn ein Mensch körperliche, psychische oder sexuelle Gewalt in der familiären oder partnerschaftlichen Beziehung erlebt, in einem toxischen oder narzisstischen Umfeld gefangen ist.
Vom Bambi-Reflex betroffene Menschen ignorieren oder verleugnen ihre eigenen Bedürfnisse. Sie haben Angst, ihre wahren Gefühle zu äussern. Sie reagieren zwanghaft freundlich und sind stets um Harmonie bemüht. Statt ihre eigenen Wünsche zu äusseren und zu erfüllen, versuchen sie forciert, es allen anderen recht zu machen und ihnen zu gefallen.
«Ich bin nicht wichtig» in der Beziehung
Häufig sind Menschen mit Fawning gefangen in Lebensumständen, denen sie sich subjektiv oder objektiv nicht entziehen können. Die Überanpassung in einer Beziehung stellt für sie das kleinere Übel dar, als auf sich allein gestellt zu sein. Weil sie sich unwichtig fühlen, stellen sie die Bedürfnisse der anderen über ihre eigenen. Sie passen sich an – oder unterwerfen sich.
An diesen Anzeichen erkennst du eine Fawn-Response bei dir:
- Du erfüllst die Wünsche und Forderungen der anderen – statt deine eigenen.
- Du lächelst auch dann, wenn dir überhaupt nicht zum Lachen zumute ist.
- Du rechtfertigst jede deiner Handlungen und Entscheidungen.
- Du entschuldigst dich für Unannehmlichkeiten, die andere verursacht haben.
- Du hast Angst davor, andere mit einem «Nein» vor den Kopf zu stossen.
- Du fühlst dich schuldig, wenn du nicht in der Lage bist, jemandem zu helfen oder seine Wünsche zu erfüllen.
- Du versuchst, den andern immer alles recht zu machen.
- Du passt dich an, um nicht aufzufallen und anzuecken.
Die Anpassungsfähigkeit von Kindern zeigt sich sehr gut im schulpflichtigen Alter. Traumatisierte Kinder verhalten sich so unauffällig und angepasst, dass sie unter den Radar fallen. Ihre ausgeprägte Überanpassung lässt den Eindruck eines braven Kindes entstehen. In Wirklichkeit befindet sich das Kind in einer Unterwerfung.
Für die Eltern und das Beziehungsumfeld sind Kinder, die kein Problemverhalten zeigen, sehr angenehm. Kinder und Jugendliche, die sich ruhig verhalten und keinen Ärger verursachen, gelten als «pflegeleicht». Manche Kinder werden für ihr überangepasstes Verhalten sogar gelobt, sie bekommen Komplimente für ihr Bravsein. Ihre Not wird nur selten erkannt.
Fawn-Response als Reaktion auf eine Bedrohungssituation
Wir Therapeuten arbeiten mit den vier grundlegenden Überlebensreaktionen, den 4Fs. Die Unterwerfung «Fawn» ist eine davon. Die anderen drei sind Fight (Kampf), Flight (Flucht) und Freeze (Einfrieren).
In einen schockartigen Erstarrungszustand gerät ein Mensch, wenn er weder fliehen noch kämpfen kann. Er friert ein. Eine andere Freeze-Reaktion ist der Totstellreflex. Oft werden der Erstarrungsreflex und der Todstellreflex synonym verwendet, obschon die Reaktionen grundlegend unterschiedlich sind. Stephen Porges, der Begründer der Polyvagal-Theorie, hat die Unterschiede zwischen dem Erstarrungsreflex und dem Todstellreflex erforscht: Der Kampfreflex, der Fluchtreflex und der Erstarrungsreflex werden vom sympathischen Nervensystem gesteuert.
Der Erstarrungsreflex kommt zum Tragen, wenn jemand dermassen überwältigt ist, dass weder flüchten noch kämpfen eine Option darstellen. In diesem Zustand ist der Mensch nicht mehr mit sich selbst verbunden, er beobachtet sich von aussen. Der Erstarrte befindet sich in einem Zustand der Dissoziation oder in einer dissoziativen Abspaltung.
Der Totstellreflex ist ein angeborener Schutz- und Abwehrmechanismus. Er entsteht als Reaktion bei nicht endendem Stress, in der Kindheit oft aufgrund von Vernachlässigung. Anhaltender Leidensdruck kann zu einem inneren Kollaps führen, einem Aufgeben jeglicher Selbstbehauptungsimpulse. Dieses innere Zusammenbrechen wird vom Parasympathikus gesteuert. Davon betroffene Menschen erscheinen hypoton, sie wirken schlaff und kraftlos. Sie haben auf tiefster Ebene resigniert, sich aufgegeben. Menschen im Totstellungsreflex fühlen sich mental tot.
Wo tritt die Fawn-Response auf?
Der Bambi-Reflex kann sich in allen Beziehungssituationen zeigen:
- Traumatische Erfahrungen: Missbrauch, Vernachlässigung, jemand ist dem Täter hilflos ausgeliefert und versucht, den Aggressor zu besänftigen und Konflikte zu vermeiden.
- Zwischenmenschliche Beziehungen: Romantische, freundschaftliche oder familiäre Beziehungen, in denen Bedürfnisse von anderen zurückgestellt werden können. Dies führt zu einem Ungleichgewicht in der Beziehung.
- Soziale Situationen: Aus einer Angst vor Ablehnung oder Konflikt kann ein Mensch in den Bambi-Reflex gehen. Dabei zeigt er sich übermässig freundlich und hilfsbereit, um akzeptiert zu werden und sich zugehörig zu fühlen.
- Familien-Dynamiken: In dysfunktionalen Familien kann ein Zugehöriger in die Unterwerfung kommen, wenn er um jeden Preis Konflikte vermeiden und die Harmonie aufrechterhalten will. Wenn diesen schädlichen Auswirkungen keine Grenzen gesetzt werden, leidet der Selbstwert.
Was kann ich tun, wenn ich einen Bambi-Reflex bei mir erkenne?
Ich möchte dich ermutigen, die Aufarbeitung anzugehen. Folgende Beziehungs- und Verhaltensänderungen können dir dabei helfen:
- Befreie dich aus ungesunden Beziehungen. Echte Freunde oder Liebespartner erwarten nicht, dass du ihnen nützlich bist.
- Kultiviere Verbindungen, die dazu beitragen, dein Selbstwertgefühl zu stärken. Fördere Beziehungen, in denen du dich wohlfühlst. Finde Menschen, die dich respektieren und gut behandeln.
- Setze Grenzen. Sage «Nein» oder «Stopp», wenn sich etwas nicht gut anfühlt. Wenn du eine Bitte ablehnst, brauchst du dich weder zu entschuldigen noch zu erklären.
- Lerne deine Bedürfnisse und Wünsche kennen. Kommuniziere deine Anliegen und Entscheidungen selbstbewusst, ohne schlechtes Gewissen oder zwanghaftes Begründen.
- Nimm dir Zeit für Selbstfürsorge. Lies ein Buch, gehe in die Natur, meditiere, tanze. Tue, was dir guttut. Pflege einen liebevollen Umgang mit dir selbst.
- Sprich mit jemandem. Eine Traumatherapie kann dich emotional entlasten und bei der Verarbeitung helfen.
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