Gastbeitrag

Wie glücklich möchtest du heute sein?

Einer steht auf einer kleinen sechseckigen Karte, die an der Wand in meinem Gäste-WC hängt. Ein anderer ist auf eine Karte mit orangem Schmetterling gedruckt, die in meinem Nachttisch liegt. Sie ist vergraben unter Handcremen, Nastüchern, Büchern und Briefen von lieben Menschen. Und wieder ein anderer ist in meinem Kopf. Für immer abgespeichert. So verinnerlicht habe ich ihn.

Sprüche. Ich liebe sie! Je älter ich werde und je länger ich Mama bin, umso mehr Gewicht bekommen Sprüche und Lebensweisheiten in meinem Alltag. 

Manche Sprüche, die ich liebe, sind nur sieben, acht Worte lang. Haben für mich aber eine Aussagekraft und eine Bedeutung wie ein Text, der 1000 Wörter umfasst. 

Sprüche. Sie motivieren und inspirieren mich. Sie lassen mich inne halten, aufhorchen und nachdenken. Sie lassen mich – im positiven Sinne – klein werden, denn ihre Botschaft lautet für mich: Hey, das Leben ist nicht so schlimm, wie du gerade denkst. Hey, mach mal Pause und denk an dich. Hey, sei dankbar und sieh, was du alles hast.

„Die Gelassenheit ist eine anmutige Form des Selbstbewusstseins.“ MARIE VON EBNER-ESCHENBACH

So steht es auf meiner Karte im Nachttisch. Auf derjenigen mit dem orangen Schmetterling. „Die Gelassenheit ist eine anmutige Form des Selbstbewusstseins“. Wie bitte, denkst du nun vielleicht? Ja, der Sinn dieses Spruchs ist nicht beim ersten Lesen voll und ganz erfassbar. Mir ging’s jedenfalls so. Genau gleich geht‘s mir mit der Umsetzung des Spruchs im Alltag: Der Haushalt ruft, die Schreibarbeit auch und die Karte für die Freundin, die bald Geburtstag hat, liegt seit Tagen unbeschrieben da.

Loslassen, gelassen sein und einen Moment oder auch zwei, drei, vier Momente innehalten und die Sachen warten lassen. Das ist eine Kunst, finde ich! Selbstbewusst entscheiden, wann das Programm weiter geht. Ganz wie ein Schmetterling, der auf einer Blüte ausruht, bevor er beschliesst, weiter zu fliegen.

Neben der Schmetterlingskarte habe ich im Nachttisch noch weitere Karten mit Sprüchen und Lebensweisheiten:

„Nur ein ruhendes Gewässer wird wieder klar.“ AUS TIBET

„Ob du eilst oder langsam gehst, der Weg vor dir bleibt derselbe.“ AUS CHINA

„Der Mensch ist gerade so glücklich, wie er sich zu sein entschliesst.“ ABRAHAM LINCOLN.

Ich finde, Abraham Lincoln hat total recht. Es gibt immer wieder Situationen und Gegebenheiten im Alltag, die schwierig sind. Die mich herausfordern oder ärgern. Aber. Ich muss mir, wenn ich ehrlich bin, immer wieder eingestehen: Es gibt meistens genauso viele tolle und schöne Situationen, wie nervige und mühsame. Meistens ist das Glas doch eher halbvoll als halbleer, auch wenn ich einen Fehler gemacht habe, mir ein Missgeschick passiert oder der Tag anders verläuft, als ich mir es eigentlich gewünscht habe. „Der Mensch ist gerade so glücklich, wie er sich zu sein entschliesst.“ Entschliesse ich mich, glücklich zu sein, dann strahlt mein Glück auf andere ab. Das stelle ich immer wieder fest. Mehr noch, meine Einstellung und Haltung haben eine Botschaft, die ohne Worte ankommt. Dazu passt mein Spruch im Kopf, den ich einmal gehört oder gelesen habe und der seither für immer abgespeichert ist:

„Warum die Kinder erziehen, sie kopieren dich ja sowieso.“ 

Taten haben also die viel grössere Wirkung als Worte. Und alles reden und erklären bringt nichts. Wirklich?! Wahrscheinlich nicht immer, ich merke aber im Alltag, dass der Spruch viel Wahres hat: Wenn ich möchte, dass meine Kinder mich und einander ernst nehmen, dann muss ich das auch tun. Wenn ich möchte, dass in der Familie ein freundlicher Ton herrscht, dann muss ich den Anfang machen und die Freundlichkeit leben. Wenn ich nicht möchte, dass meine Kinder mit der Zahnbürste im Mund das Badezimmer verlassen, dann darf ich das auch nicht tun. Auch nicht, um noch schnell die Fenster zu schliessen oder ein Spielzeug, das herumliegt, an seinen richtigen Platz zu bringen. „Mami, du darfst nicht mit der Zahnbürste aus dem Bad. Wir dürfen es auch nicht!“, tönt es dann. Wie recht sie haben, meine Kinder! Und wie gut und fair, dass sie mich darauf hinweisen. Warum ich das finde? Weil mich ein Zitat von Jesper Juul, dem berühmten dänischen Familientherapeuten, der im Juli dieses Jahres verstorben ist, begleitet:

„Unsere Kinder sind nicht dazu da, uns zu schonen oder in Ruhe zu lassen. Wir alle haben die Möglichkeit, uns an der Seite der Kinder zu entwickeln und zu wachsen.“ 

Wenn ich mit meinen Kindern wachsen will, dann muss es mir gut gehen. Dann muss ich zu mir schauen, meine Kräfte einteilen, meine Grenzen kennen und immer mal wieder durchatmen. 

Darum zum Schluss: Auf der kleinen sechseckigen Karte in meinem Gäste-WC steht:

„Warte nicht auf den perfekten Moment. Nimm dir einfach einen und mache ihn perfekt.“

F.E. freischaffende Texterin