Identifikation mit dem Täter

Heftige Überwältigung und ihre Folgen

Die Angst ungehorsam zu sein, führt dazu, sich dem Unterdrücker zu unterordnen.
Indem man sich mit dem Unterdrücker verbündet, kehrt man seine Gewalt und Verachtung in Liebe um.
So werden schlimme Taten moralisch
gerechtfertigt.

Arno Grün

Wenn ich keine Wahl habe

Die Identifikation mit dem Angreifer bezeichnet einen Abwehrmechanismus zur Angstbewältigung im Traumageschehen. Überwältigende Angst führt zur schädigenden Verleugnung. Eine Person identifiziert sich unbewusst mit dem Aggressor, wenn sie körperlich und/oder emotional misshandelt oder unterdrückt wird. Dieser Mensch verinnerlicht und übernimmt dabei unbewusst Persönlichkeitseigenschaften, Werte und Verhaltensweisen des Täters und macht sie zu Anteilen des Selbst.

 Was führt zur Identifikation?

Traumatische Erfahrungen in der Kindheit, bei denen das Mass der erlebten Ohnmacht und Abhängigkeit besonders gross ist können dazu führen. Autoritäre durch Liebesentzug geprägte Erziehungsmethoden, die Gewalt und Einschüchterung enthalten sind ebenfalls Faktoren einer Identifikation. Eine Ohrfeige hat noch niemandem geschadet, ist ein viel gehörter Satz. Die Identifikation ist ein Schutz, eine letzte Notbremse vor dem drohenden Zusammenbruch des Selbst angesichts der Überwältigung. Wir haben keine Wahl. Die Entwicklung der persönlichen Autonomie wird unterdrückt. Die Täter sind in einer absoluten Machtposition. Das Opfer ist physisch, meist auch psychisch ausgeliefert. Eine gewalttätige Mutter, ein sexualisierte Gewalt anwendender Vater oder Bruder, ein sadistischer Lehrer, ein Folterer können alles Personen sein, mit denen die unbewusste Identifikation erfolgt. Zu meiner Zeit waren Schläge in der Schule beinahe an der Tagesordnung. Mit dem Lineal eins über die Finger hauen war normal.

Entscheidend sind die Heftigkeit der Überwältigung und die Dauer und Schwere des Traumas. Bei Kindern kommen zusätzliche Parameter hinzu. Das Kind hat eine natürliche Schutzerwartung und Schutzbedürftigkeit. Wenn nun ein Elternteil gleichzeitig in der Schutzfunktion ist und Quelle der Bedrohung und Angst, führt das zu einer ausweglosen Situation für das Kind. Es sucht Zuflucht und Schutz beim Elternteil durch den es auch misshandelt wird. Die Verleugnung der unerträglichen Realität durch Identifikation kann sich so als paradoxe Täter-Opferbindung und traumatische Fixierung aus Angst manifestieren. 
Bei einem Erstgespräch können wir Wege aus der Identifikation definieren.

Bild:asael.ch