Innere Unruhe als Traumafolge

Innere Unruhe als Traumafolge

Immer wieder höre ich von gestressten Klienten Aussagen wie «Ich komme nicht zur Ruhe.» «Ich fühle mich angespannt, nervös, unruhig.» «Es fühlt sich so an, als würde ich mit Vollgas durchs Leben rasen.»

Auf Aussenstehende wirken diese gehetzten Menschen beinahe wie ferngesteuert. Sie geben in ihrer täglichen Arbeit alles. Sie hasten durch den Tag und spulen ihre Arbeit von morgens bis abends fast mechanisch ab. Wieso sich eine Pause gönnen, wenn man doch im Stehen essen kann? Dabei vergessen sie sich selbst und vernachlässigen ihre eigenen Bedürfnisse. Bis der Tank schliesslich leer ist.

Zwischen Rastlosigkeit und Erschöpfung

Endlich ist das Tageswerk erledigt und der wohlverdiente Feierabend da. Doch die ersehnte Ruhe bleibt aus. Kaum setzt sich der Gehetzte aufs Sofa, fängt es im Kopf zu grübeln an. Denn immer noch gibt es Unerledigtes, das ihn nicht loslässt. Obwohl seine Kräfte längst aufgebraucht sind, findet er innerlich keine Ruhe und setzt sich dadurch zusätzlich unter Druck.

Es gibt auch ein anderes Erscheinungsbild. Menschen, die abends erschöpft nach Hause kommen und es mit knapper Not schaffen, das Abendessen zu kochen und aufs Sofa zu sinken – und dann buchstäblich nicht mehr hochkommen. Diese Menschen haben ihre Energie restlos aufgebraucht, es ist keine mehr Kraft da. Und trotz völliger Erschöpfung fällt es ihnen schwer, in den Schlaf zu finden. Unruhig wälzen sie sich von einer Seite auf die andere, während ihre Gedanken unaufhörlich kreisen.

Die Ursachen liegen in der Kindheit

Ob innere Unruhe und anhaltender Stress oder Abgeschlagenheit – beide Szenarien haben ihre Ursache häufig in der Kindheit.

In den ersten Jahren unseres Lebens brauchen wir die Unterstützung von Bezugspersonen, um unser Nervensystem und unsere Emotionen zu regulieren. Positiver Körperkontakt, beruhigende Stimmen und Fürsorge helfen unserem noch nicht ausgereiften Nervensystem, überfordernde Ereignisse zu regulieren. Wenn ein Baby nicht die notwendige Zuwendung erhält, kann sein Nervensystem keine Selbstregulation erlernen. Es können sich Spuren bilden, wenn das Baby in der Übererregung (Hyperarousal) gelassen wird. Diese zeigen sich im späteren Leben durch Unruhe oder komplette Abgeschlagenheit.

Für Säuglinge ist Schreien die einzige Sprache. Damit machen sie ihre Bezugsperson darauf aufmerksam, dass es ihnen nicht gut geht oder ihnen etwas fehlt. Werden Babys in ihrer Not alleingelassen, hören sie oft schnell auf zu schreien. Jedoch nicht, weil sie sich selbst beruhigen konnten, sondern weil ihr Nervensystem in einen Kollaps gerät. Häufig fallen sie anschliessend in einen Erschöpfungsschlaf, weil sie nicht mehr schreien mögen. Passiert dies öfters, kann es zu einer inneren Resignation führen – dem Gefühl: „Mir hilft niemand.“ Darin verankert ist häufig eine Überanpassung. Ein ständiges Bemühen, wo ich alles dafür tue, um wenigstens ein bisschen Zuwendung zu erhalten.

Wenn Anspannung zum Normalzustand wird

Wenn wir im Kleinkindalter zu wenig Zuwendung und Körperkontakt erhalten haben – beides essenziell, um aus Notsituationen herauszukommen –, sind Körper und Nervensystem nicht in der Lage, von Überanspannung in Entspannung zu wechseln. Das bedeutet, dass in unserem Inneren etwas ständig angespannt bleibt.

Sobald diese Anspannung zum gefühlten Normalzustand wird, verschwindet sie ins Unbewusste. Es gibt keine Erinnerung daran, wie es vorher war. Das führt dazu, dass wir als Erwachsene, weil wir nichts anderes kennen, diese ständige Spannung als normal ansehen. Unser Körper kennt echte Entspannung nicht, ein vollständiges Herunterfahren ist unmöglich.

Die Folgen eines permanenten inneren Stresses können vielfältig sein:

  • Schlafprobleme
  • Erhöhter Puls
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Kopfschmerzen und Migräne
  • Ängste und Panik
  • Erhöhte Reizbarkeit, oft verbunden mit Wutausbrüchen
  • Übermässiger Bewegungsdrang
  • Muskelverspannungen, die sich teilweise wie Beton anfühlen

Was du tun kannst, um in die Entspannung zu kommen

Als allererstes geht es darum, dass du dir dieser inneren Unruhe bewusst wirst. Die Anspannung wird bleiben, solange tausende Gedanken in deinem Kopf kreisen, du nervös hin und her läufst oder dich mit dem Handy oder dem Fernsehprogramm ablenkst.

Erkenne dein eigenes Tempo. Was passiert, wenn du dich hinsetzt und versuchst, in die Entspannung zu kommen? Mach dir bewusst, dass du durch Achtsamkeit und Selbstregulation zunehmend loslassen kannst.

Lerne deine eigenen Ressourcen kennen und wende dich ihnen zu. Unterstützende Tätigkeiten können sein:

  • Yoga
  • Atemübungen
  • Autogenes Training
  • Verzicht auf Koffein, Zucker und Alkohol
  • oder langsames Gehen statt Joggen

Nimm Hilfe in Anspruch

Falls deine eigenen Massnahmen für die Selbstregulation zu wenig greifen und die innere Unruhe – also der Hyperarousal – nicht nachlässt, empfehle ich, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Durch die Co-Regulation mit einem zweiten Körper können dein eigener Körper, dein Nervensystem und deine Emotionen allmählich reguliert werden, sodass Schritt für Schritt Ruhe und Entspannung in dein Leben einkehrt.

Das bedeutet, dass dein Körper durch die Co-Regulation verarbeiten lernt, was er damals nicht selbst regulieren konnte. Dadurch entsteht eine neue Lebensqualität. Die innere Spannung nimmt ab, und ein neues Körpergefühl entsteht. Und du, wenn du dich abends aufs Sofa setzt, wirklich herunterfahren kannst.