Lustvolles Essen oder Frust?

Wenn du ohne zu essen dick und dicker wirst

Als kleines Mädchen war ich eher hager. Mein Vater sagte oft du bist nur Haut und Knochen. Ich fühlte mich wohl in meinem Körper. Für mich war das normal. Dann mit gut elf Jahre wurde ich ohne bedeutend mehr zu essen dicker. Was war der Grund? Wieso legte ich so massiv zu?

Rückblickend sehe ich es als Kummerspeck. Ich wollte unattraktiv sein, hässlich und meine beginnenden weiblichen Ausformungen verleugnen und überdecken. Teilweise konnte ich das über die Kleidung zusätzlich unterstützen. Ich trug viele dunkle Kleider, was vor über vierzig Jahren noch nicht üblich war. Sie waren zu gross, zu lang, zu weit. Von mir als Mensch war nicht mehr viel zu sehen. Für meine vielen Pfunde wurde ich gehänselt. Ich schämte mich dafür. Und doch, mit allem Hungern brachte ich die Kilos nicht weg. Es war ein permanenter Stress in einer sehr sensiblen Phase der persönlichen Entwicklung, anspruchsvoll und schwierig.
Natürlich wollte ein Teil von mir auch schön sein, begehrt werden und beschwingt und leicht durchs Leben gehen. Gleichzeitig machte das aber auch Angst.

Pubertät

Es kamen die Jahre wo ich mit mir als Pubertierende zu tun hatte. Vieles veränderte sich, war neu, ungewohnt und machte mich unsicher. Mein Körper veränderte sich nochmals. Zum Kummerspeck formten sich die weiblichen Rundungen.
Ich geisselte mich, zählte Kalorien und hungerte oft Tagelang. Die Pfunde blieben. Ich fühlte mich dick und unattraktiv. Die ganze Verzweiflung richtete ich mit viel Wut, Aggression und Hass auch mich selbst, lehnte mich und meinen Körper ab.
Was kann ich nur tun, damit ich mich in mir wohlfühlen kann? Sport trieb ich bereits ganz viel. Das einzige was es brachte war Kondition.
Ich wäre so gerne eines dieser dünnen, hageren Mädchen gewesen, wo keine Proportion mehr stimmte, mit langen Beine, langen Armen. Aber ich war es nicht. Viele Jahre haderte ich mit mir. Es spielte keine Rolle ob ich ass oder hungerte.
Nach den vielen Geisselungen wo ich Hunger hatte folgten Fressattaken. Dafür verurteilte ich mich. Eine destruktive Abwärtsspirale. Das ging viele Jahre so. Lange Zeit war mir nicht Bewusst was für ein gestörtes Verhältnis ich zu mir, meinem Körper und zum Essverhalten hatte.

Junge Erwachsene

Als junge Frau, fertig mit der Ausbildung ging ich nach Genf. Wir arbeiten viel, lange und hart. Es blieb wenig freie Zeit, keine Musse, keine Erholung. Zudem gefiel es mir weder in der der Stadt, noch bei der Arbeit, noch behagte die Wohnsituation. Es war sehr schwierig. Der Kummerspeck wurde noch grösser.
Nach vier Monaten beendete ich meinen Aufenthalt in Genf und reiste zurück in die Heimat. Das Leiden war zu gross. Damit purzelten immerhin einige Kilos weg. Der Stress mit meiner Figur blieb aber das Dauerthema.

Dann mit ungefähr fünfundreissig Jahren wurde ich zu einer Therapeutin geführt die mir die Welt des lustvollen Geniessen und Essen öffnete. Immer mehr nahm ich all die feinen Düfte, Gewürze die Nuancen der Speisen wahr. Damit einhergehend nahmen die Selbstverurteilungen ab. Die überflüssigen Pfunde verschwanden. Die Freude zum Essen kam allmählich. Das gab Mut und Vertrauen in den eingeschlagenen Weg. Meine Eigenwahrnehmung verbesserte sich. Es gab immer mehr Zeiten wo ich mich wohl fühlte.
Gleichzeitig mit der bewussteren Ernährung machte ich diverse Therapien. Mit systemischen Arbeiten und Trauma Therapie fand ich die Grunddynamiken der ganzen Essstörung heraus und konnte sie auflösen.
Heute bin ich schlank, fühle mich gut in mir und meinem Körper. Kochen und essen ist mit viel Lust und Genuss verbunden.

Ich möchte alle ermutigen die ebenfalls einen schwierigen Zugang zur Selbstwahrnehmung und zu Ihrem Körper haben. Es gibt Wege zu einem erfüllten Leben in Einklang mit sich selbst. Mach den ersten Schritt dazu.

Foto: www.asael.ch